Zürcher Ballett: Geschichte, Ensemble, Repertoire
Im Vergleich mit Paris oder London, Wien oder Kopenhagen ist Zürich
eine junge Tanzstadt. In die internationale Tanzgeschichte tritt die
Stadt erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein. Kurz vor dem Ersten
Weltkrieg eröffnete Rudolf von Laban, einer der grossen Erneuerer des
europäischen Tanzes, in Zürich eine Schule, durch die «die Stadt zu
einem der Brennpunkte der modernen Ausdruckstanzbewegung» wurde. Das
Ballett am Stadttheater hatte damals, wie in Horst Koeglers
Ballettlexikon nachzulesen ist, «allerdings nur dekorative Aufgaben in
den Opern- und Operettenproduktionen des Hauses zu erfüllen». Erste
überlokale Aufmerksamkeit erreichte es in den dreissiger Jahren des 20.
Jahrhunderts, als das jugoslawische Tänzer-Ehepaar Pia und Pino Mlakar
für vier Jahre die künstlerische Leitung innehatte.
Die ersten bedeutenden Akzente in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg setzte
der in Litauen geborene Brite Nicholas Beriozoff, der die Kompanie der
Zürcher Oper von 1964 bis 1971 leitete und vor allem dafür sorgte, dass
sie ein solides Klassikerrepertoire erhielt. Doch auf Beriozoff folgte
eine Periode der Unstetigkeit und der raschen Führungswechsel. Der
Franzose Michel Descombey wurde vom Briten Geoffrey Cauley abgelöst,
dem wiederum eine Doppelspitze mit den beiden Schweizern Hans Meister
und Jürg Burth folgte. Niemand hielt es länger als zwei oder drei
Spielzeiten an der Spitze des Zürcher Balletts aus. Immerhin kam 1972
Rudolf Nurejew und studierte mit dem Ensemble seine «Raymonda» ein,
später dann auch einen «Don Quixote» und seinen «Manfred». Erst als
Patricia Neary, die frühere Ballerina des New York City Ballet, 1978
als Ballettdirektorin antrat, kam wieder eine gewisse Ruhe und
Kontinuität in die Kompanie. Neary blieb bis 1985, also immerhin so
lange wie Beriozoff, und setzte, ohne persönlichen Ehrgeiz, ihr ganzes
Bestreben darein, das Zürcher Ballett zur wichtigsten europäischen
Balanchine-Filiale mit dem umfangsreichsten und besten europäischen
Repertoire des grossen Choreographen zu machen.
Die Dekade von der Mitte der achtziger bis zur Mitte der neunziger
Jahre gehörte zwei jungen Choreographen, die, wohl überfordert, als
Direktoren des Zürcher Balletts eher unglücklich operierten. Der
Deutsche Uwe Scholz, beim Stuttgarter Ballett als überragendes Talent
gefeiert und in Zürich im Alter von erst 27 Jahren auf seinem ersten
Chefposten, debütierte in Zürich mit einer überwiegend verrissenen
abendfüllenden Choreographie des Haydn-Oratoriums «Die Schöpfung» und
bekam danach nie richtig Boden unter die Füsse. Nach fünf zunehmend
erfolgloseren Jahren wurde er von dem ähnlich jungen Wiener Bernd Roger
Bienert abgelöst, der durch die Zusammenarbeit mit einigen der
renommiertesten Architekten Europas auffiel und einige schöne
Rekonstruktionen von Arbeiten aus der Jugendzeit der Tanzmoderne in die
Wege leitete, letztlich aber ebenso wenig reüssierte wie sein Vorgänger.

Als Heinz Spoerli 1996 die Direktion des Zürcher Balletts übernimmt,
ist es gewiss nicht so weit heruntergewirtschaftet, wie es fünf Jahre
vorher bei seiner Übernahme durch Spoerli das Ballett der Deutschen
Oper am Rhein gewesen ist. Aber unter die führenden Ballettkompanien
des Kontinents, zu denen es zu Beginn des 21. Jahrhunders zweifellos
gehört, hätte es auch niemand gerechnet. Spoerli schafft den grossen
Sprung nach vorn in ähnlich kurzer Zeit wie in Düsseldorf durch vier
ineinander greifende Faktoren: eine qualitätsbewusste Auswahl der
richtigen Tänzer ohne Rücksichten auf nationale Belange, ein
erstklassiges Trainung durch Ballettmeister wie Peter Appel,
Chris Jensen (mit denen er schon in Basel und Düsseldorf
zusammengearbeitet hat) und den Franzosen Jean-François Boisnon, eine
kluge, nur mit dem Besten zufriedene Repertoire-Politik und die
Qualität der eigenen, naturgemäss den Schwerpunkt des Repertoires
bildenden Choreographien.
Es ist eine Binsenweisheit der Tanzgeschichte, dass bedeutende
Ballettensembles nur durch die Zusammenarbeit mit bedeutenden
Choreographen entstehen. Das galt bereits im 19. Jahrhundert und gilt
im 21. Jahrhundert immer noch. Das Königlich Dänische Ballett in
Kopenhagen verdankt seine herausragende, erstaunlicherweise gehaltene
Position dem wunderbaren August Bournonville, das Ballett des
Marijinsky-Theaters in St. Petersburg die seine Marius Petipa noch aus
Zarenzeiten. Das Londoner Royal Ballet wäre ohne Frederick Ashton nie
über eine provinzielle Rolle hinausgekommen, das New York City Ballet
ohne George Balanchine nie die Nummer 1 unter den grossen
Ballettkompanien der Welt geworden. Ähnliches gilt für das Nederlands
Dans Theater und sein Choreographen-Duo Hans van Manen/Jirˇí Kylián,
das Brüsseler Ballett des XX. Jahrhunderts und Maurice Béjart, das
Tanztheater Wuppertal und Pina Bausch und das Ballett Frankfurt und
William Forsythe. Die Kombination Zürcher Ballett/ Heinz Spoerli hat
sich längst in die Phalanx dieser renommierten Kompanien eingereiht.
Seit 1996 hat der Ballettdirektor Spoerli für seine
Tänzer einiges vom Besten eingekauft, das auf dem internationalen Markt
choreographisch zu haben ist: Arbeiten von George Balanchine wie
«Serenade», «Theme and Vatiations», «Stravinsky-Violinconcerto»,
«Allegro brillante», «Duo Concertant», «Rubies» oder «Symphony in C»,
Choreographien von Hans van Manen wie «Grosse Fuge», «Solo»
«Metaforen», «Black Cake» oder «Déjà-vu», Stücke von William Forsythe
wie «In The Middle, Somewhat Elevated» und «Herman, Schmerman» sowie
Merce Cunninghams «Summerspace» und Twyla Tharps «Push Comes To Shove».
Er hat aber diesen Stücken in seinen eigenen Choreographien immer
wieder auch Gleichwertiges an die Seite gestellt.
Die meisten seiner eigenen Choreographien, die Heinz Spoeli seinen
Zürcher Tänzern zu tanzen auftrug, hat er eigens für sie geschaffen.
Doch mindestens eines der Stücke, das er bereits in Düsseldorf
choreographiert hatte, hat er – vernünftigerweise – nicht gezögert (mit
neuen Kostümen) nach Zürich zu übertragen: die «Goldberg-Variationen»
zu Johann Sebastian Bachs Klavierzyklus. Mit diesem Stück probiert der
Choreograph Spoerli eine neue Dramaturgie des abendfüllenden Balletts:
nicht abstrakt noch eine reine Interpretation der Musik, sondern der
Versuch, «das Leben, das an einem vorbeizieht», tänzerisch zu
gestalten: Paare, die sich finden und wieder verlieren, wechselnde
Ansichten und Einsichten. Da sich aus der Kombination und Konfrontation
von Körpern immer Beziehungen, Emotionen und Spannungen ergeben, ist
das Ballett «Goldberg-Variationen» nie wirklich abstrakt; schon durch
das ungewöhnliche Mengenaufgebot der Tänzer und die Länge der
Wegstrecke, die sie miteinander zurückzulegen haben, ergibt sich ein
ausserordentlicher Reichtum an Möglichkeiten.
Möglicherweise hat Spoerli, der jahrzehntelang vor allem als Meister
des Erzählballetts grosse Erfolge feierte, sich nun als reifer
Choreograph – er hat im Herbst 2000 immerhin seinen 60. Geburstag
gefeiert – generell eine neue Dimension und ein neues Genre
erschlossen: den reinen Tanz mit nur ganz sparsamen Andeutungen von
Handlung.
Das abendfüllende «Brahms. Ein Ballett», ausschliesslich zu Kammermusik
des Komponisten choreographiert, überzeugt mit einem Konzept, das
«Brahms Zerrissenheit zwischen aufreibender, aber gleichzeitig
erfüllender Kreativität und unerfüllter Sehnsucht nach Liebe» deutlich
machen möchte, und, indem sie das nicht gelebte Leben zu Kunst
sublimiert, auf vertrackte Weise des Komponisten Fremdheit auf der
Tanzbühne spiegelt.
Das Mozart-Ballett «Eine lichte, helle, schöne Ferne» trippelt und
schwingt zu Beginn so zierlich einher, als habe jemand allerliebste
Meissner Porzellanfiguren virtuos in Bewegung gesetzt, trübt im zweiten
Teil aber nicht nur die Musik, sondern das ganze Bühnengeschehen stark
ein und schafft im Wechsel heller und dunkler Züge ein hinreissendes
Stück klassischen Tanzes, das Mozart gerechter wird als die Mehrzahl
landläufiger Mozart-Choreographien und auch jede falsche Anbiederung an
den «Göttersohn» Mozart vermeidet.

Spoerlis Interpretation von Schuberts C-Dur-Streichquartett erzählt
zwar eine Geschichte. Aber sie tut es so vorsichtig, dass es
schwerfällt, sie mit eindeutigen Worten wiederzugeben. Zwar stehen auf
der Bühne fünf Tänzer in Solorollen (vor einem überaus sparsam und
dezent eingesetzten Ensemble von fünf Paaren). Aber sie als tänzerische
Entsprechungen der fünf Streichinstrumente zu bezeichnen, geht auch
nicht an. Spoerlis Geschichte wahrt ihr Geheimnis. Weder die
Konstellation der Personen noch ihre Zeichnung oder die neoromantische,
weich fliessende, die Virtuosität grosser Sprünge und pathetischer
Hebungen nicht scheuende Bewegung der Tanzenden ist eindeutig. Spoerli
verleiht dem Tanz eine irreale Leichtigkeit: etwas Spielerisches, das
selbst dem Tod (wenn er denn überhaupt eine Rolle spielt für sein
Tänzerquintett) alles Bedauernswerte und jede Tragik nimmt.
Die Bach-Choreographien «...und mied den Wind», «All Shall Be» und «In
den Winden im Nichts» setzen vor allem auf virtuose Sportivität; ihre
Bewegung profitiert vom Bodenturnen wie vom Kunstkraftsport sowie, mit
vielen Hebe- und Schleuderfiguren bis hin zu veritablen «Todesspiralen»
vom Eiskunstlauf; selbst das Synchronschwimmen hat, in den kreiselnden
Beinschwüngen der kopfunter gehaltenen Ballerinen, seine Spuren
hinterlassen.
Im Normalfall bedenken Spoerlis Choreographien die von den Ballerinen
Yen Han, Lara Radda und Karine Seneca angeführten Frauen des Ensembles
mindestens ebenso gut wie ihre männlichen Kollegen. Doch in den
Stücken, die den Komponisten Brahms, Mozart und Bach gewidmet sind,
dominieren ziemlich eindeutig die Männer: der fabelhafte Michael Revie
in «Eine lichte, helle, schöne Ferne», die Herren Jens Weber, Federico
Bonelli, Francois Petit (und wiederum Revie) in den Bach-Balletten.
Zum Besten, was von Spoerli derzeit im Zürcher Repertoire ist, zählt
ein «Approaching Clouds» überschriebener vierteiliger Abend vom Herbst
des Jahres 2000, der nicht ein einziges Erzählballett im traditionellen
Sinn enthält. Allenfalls die bereits in Düsseldorf uraufgeführte
Schumann-Choreographie «Szenen» enthält Ansätze einer Handlung; doch
sind diese Ansätze so schwebend und verwischt, so völlig in Tanz
aufgelöst, dass man das Stück als «Handlungsballett» kaum ansehen mag.
«Approaching Clouds», das Stück, das dem Abend den Titel gibt,
verstrickt zwei Paare plus zwei Männer zu Alfred Schnittkes erster
Sonate für Violoncello und Klavier in ein virtuoses Beziehungsgeflecht
aus Begegnungen und Abschieden. «Phase» zur Musik von Steve Reich
addiert sparsame, in Tempo und Menge kontinuierlich gesteigerte
Bewegungen – synchrone Armsignale, kleine Ausfallschritte,
spielerisches Trippeln auf den Fussballen – eines siebenköpfigen
Ensembles und übertrumpft die Bewegung der Tänzer durch eine zunächst
nur minimale, dann aber immer stärker auftrumpfende Veränderung der aus
Segmenten mit unterschiedlichen Motiven zusammengesetzten
Video-Rückwand.
In der Interpretation von Luciano Berios «Folk Songs» aus dem Jahre
1964 aber verblüffen der Choreograph und sein Bühnenbildner Florian
Etti mit veritablen Zaubertricks. In einer gedachten, leicht diagonal
gesetzten Linie im Bühnenhintergrund tanzen wahre Wolkenwirbel, aus
denen die acht Tänzer immer wieder wie aus dem Nichts auftauchen und in
denen sie wieder verschwinden; in einem Bühnensegment unmittelbar vor
dem brodelnden Wolkeninferno ziehen sie, dank Robertus Cremers
ingeniöser Beleuchtung, lange Schatten aus schwarzem Licht hinter sich
her. Doch der starke Eindruck, den «Folk Songs» hinterlässt, verdankt
sich nicht nur dem
Bühnenbild und seinen Zaubertricks. Auch die Bewegungserfindung ist
reich und phantasievoll. Mit einem grossen, dreissigköpfigen Ensemble
zieht Spoerli alle Register tänzerischer Orchestrierung. Er setzt nicht
nur auf
die Bravour seiner vorzüglichen Solisten, sondern auch auf die schiere
Wucht vervielfältigter Bewegung, die in einem rauschenden Finale
gipfelt.
Natürlich lässt sich ein Riesenwerk wie Rameaus Ballettoper «Les Indes
Galantes», in dem Spoerli im Frühjahr 2003 als Regisseur und
Choreograph den Tanz zum gleichberechtigten Partner der Musik macht,
nicht dauerhaft im Repertoire einer einem Opernhaus angeschlossenen
Ballettkompanie halten.
Aber das ist auch nicht nötig. Zusammen mit einer handverlesenen
Auswahl klassischer und zeitgenössischer Handlungsballette – einem
saftigen «Sommernachtstraum», einer filigranen «Giselle», einer
lebensprallen «Fille mal gardée», einem weit über ein Weihnachtsmärchen
hinausgediehenen «Nussknacker», den Prokofjew-Stücken «Romeo und Julia»
und «Cinderella», letztere in Kilometer feinster Seide prächtig
gehüllt, dazu seit dem Winter 2002 eine Neufassung des noch für Basel
geschaffenen «La Belle Vie» – eines abendfüllenden Stücks, in dem die
Zeit des Fin de siécle sich auf genialische Weise mit allen ihren
Vorzügen und sozialen und menschlichen Problemen spiegelt –, ergeben
die reinen Tänze ein Repertoire, wie es kaum eine andere
zeitgenössische Ballettkompanie ihr eigen nennen kann.

